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Die Kamera streift über einem idyllischen Gebirgstal. Wolken, Wälder, blauer Himmel, Natur pur. Aus dem Off dringt die Stimme des Filmemachers Werner Boote. „Früher einmal war die Erde ohne Plastik. Doch dann kam der große Auftritt des belgischen Chemikers Leo H. Bakeland. In den Jahren 1905 bis 1907 entwickelte er Bakelit, das erste vollsynthetische Produkt aus Erdöl. Seither schlägt der Fortschritt ein Rad um das andere. Nach der Steinzeit, der Bronze- und der Eisenzeit haben wir jetzt die Plastikzeit. Wir sind Kinder des Plastikzeitalters.“

Super-8-Filmsequenzen, offensichtliche Privataufnahmen zeigen ein Kind, das Plastik liebt. Auch das ist Werner Boote. All die wunderbaren, knallbunten und vor allem gut riechenden Spielsachen hat er von seinem Großvater bekommen, der in den 60er Jahren Geschäftsführer der deutschen Interplastik-Werke war.

Barbara Reye
Da sind sie wieder. Die Müllsammler in
Ihren knallgelben T-Shirts. Wie jedes
Jahr säubern Studenten und Freiwillige
den Strand der kleinen Insel Tsushima
zwischen Korea und Japan von Plastikmüll.
Alles angeschwemmtes Material.
Ein buntes Sammelsurium aus Kanistern,
Fischernetzen, Plastikflaschen,
Badelatschen, Fussbällen, Bechern,
und Kunststofffolien. Nach zwei
Tagen sind 120 Lastwagen mit dem Unrat
gefüllt. In die abgelegene Bucht
kehrt umgehend die Idylle zurück.
Auch der österreichische Regisseur
Boote hat kräftig mit angepackt
- und hat die Szene für seinen Dokumentarfilm
«Plastic Planet» festgehalten.
Gereinigt worden sei aber nur eine kleine
Bucht einer kleinen japanischen Insel,
betont der Filmemacher etwas frustriert.
Japan habe aber insgesamt mehr als
6800 Inseln. Zudem sei die Bucht in kurzer
Zeit erneut mit Abfällen von Schiffen
aus der Nähe übersät gewesen.

Chemischer Alleskönner
Plastik umgibt uns ständig und fast überall.
Egal ob für simple Konsumgüter oder
als Hightech-Material für Computerchips.
Man kann es in allen Farben, Formen
und Festigkeiten haben. Kunststoffe sind
aufgrund ihrer unterschiedlichen chemischen
Zusammensetzung äusserst vielseitig
- aus ihnen bestehen hauchdünne
Nylon-Strumpfhosen, klangvolle Schallplatten,
robuste Abflussrohre und auch
fälschungssichere Banknoten. Die Krux
ist, dass seit Jahrzehnten die Menge an
Kunststoffmüll in bedrohlichem Tempo
wächst. Weltweit würden momentan allein
in einem Jahr rund 280 Millionen
Tonnen Kunststoff produziert, erklärt
der Materialwissenschaftler Ulrich Suter,
ehemaliger Vizepräsident Forschung an
der ETH Zürich. Gegenüber 1950 habe
diese Menge um das Hundertvierzigfache
zugenommen. Deshalb sei es wichtig, in
Zukunft noch mehr auf umweltschonende,
recycelbare Produkte, etwa aus
Polyethylenterephthalat (PET), zu setzen.
Je nach Beschaffenheit, Ausgangsmaterial
und Umweltbedingungen können
Kunststoffe sehr langlebig sein und zersetzen
sich oft erst nach Jahrhunderten
vollständig. Aus diesem Grund wird Plastik
an Land wiederverwertet, vergraben
oder verbrannt. Doch im Meer dümpelt
es mit den Wellen vor sich hin. Schmeisst
die Schiffsbesatzung ihren Plastikabfall
über Bord, schwimmt er im Wasser und
bedroht die Tierwelt. Nach den Angaben
des Umweltprogramms der Vereinten
Nationen (Unep) verfangen sich darin regelmässig
6 Arten Meeresschildkröten,
51 Arten von Seevögeln und 32 Arten von
Meeressäugern, darunter auch Delfine
oder Schweinswale. Zum einen können
sich die Meeresbewohner in den verlorenen
Netzen. Angelleinen, Tauen oder
weggeworfenem Kunststoffmaterial wie
etwa Plastikbeuteln verheddern, sodass
sie sich nicht mehr fortbewegen können
und letztlich sterben. Zum anderen fressen
sie aber auch das Plastik, wodurch
sie dann ersticken oder irgendwann verhungern.
Zum Beispiel fressen Meeresschildkröten
oft durchsichtige Plastiksäcke,
weil sie diese für Quallen halten, die
zu ihren Hauptnahrungsquellen gehören.
Betroffen ist auch der Eissturmvogel,
der die Gewohnheit hat, an Sepiaschalen,
also am Innenskelett der Tintenfische,
zu picken. Auf diese Weise nimmt
der Vogel Kalziumkarbonat auf, das er
unter anderem für die Eischalenbildung
benötigt. "Statt auf Sepiaschalen hackt er
aber oft auf unverdaulichem Plastik herum»,
sagt Ulrich Claussen vom Fachgebiet
Meeresschutz beim deutschen Umweltbundesamt
in Dessau-Rosslau. Dies
sei fatal, weil der in der Nordsee und im
Nordatlantik weit verbreitete Hochseevogel
durch die Aufnahme der Plastikteilchen
ein Sättigungsgefühl verspüre und
nicht mehr genug fresse. Anderseits verschluckt
der Eissturmvogel aber auch
Bruchstücke von Zahnbürsten, Feuerzeugen
oder Schraubdeckeln, wie eine
Studie der Universität Kiel ergab.
Die Forscher hatten zusammen mit
Kollegen in den Niederlanden 304 verendete
Eissturmvögel seziert und fast bei
allen untersuchten Tieren Plastikteile in
den Mägen gefunden. Häufigste Todesursache
war ein Darmverschluss. Unter der
Einwirkung von Sonne, Gezeiten, Wind
und Wellen werden die ins Meer geworfenen
Dinge aus Kunststoff immer kleiner
und kleiner. «Solche winzigen Partikel
sind weiterhin eine Gefahr für die Umwelt,
weil sie aufgrund ihrer Grösse
Schadstoffe gut anlagern können», sagt
Experte Claussen. «Werden sie von kleinen
Organismen gefressen, kommen die
kontaminierten Teilchen in die Nahrungskette
und somit auch in grössere
Tiere wie beispielsweise Fische.» Die Partikel
können auf diese Weise auch in den
Menschen gelangen.
Besonders hoch ist die Dichte an
Plastikrnüll dort, wo Meeresströmungen
starke Wirbel im Ozean verursachen
und den Abfall ähnlich einem Badewannenabfluss
im Kreis rotieren lassen.
Im Zeitraum von mehreren
Jahrzehnten hat sich etwa im Nordpazifik
ein solches Karussell aus Abfallen gebildet.
Es zirkuliert mehr als 500 Seemeilen
vor der Westküste der USA und
ist mittlerweile doppelt so gross wie der
US-Bundesstaat Texas.

Schwimmendes Wohnzimmer
Vor ein paar Wochen gab die Organisation
Sea Education Association (SEA)
bei einem Treffen von Meeresforschern
in Portland in den USA bekannt, dass
sie im Atlantik, nördlich der karibischen
Inseln, eine weitere riesige Müllhalde
gefunden habe. Dort trieben bis zu
200000 Plastikstücke pro Quadratkilometer auf dem Wasser.
«Es ist erschreckend, was alles an
Abfall im Meer landet», sagt Lars Gutow
vom Alfred-Wegener-lnstitut in Bremerhaven,
der während seiner Forschungsarbeiten
im Mittelmeer schon auf halbe
Wohnzimmereinrichtungen wie etwa
Sofas gestossen ist. Normalerweise hole
er aber vor allem Jogurtbecher, Plastikbehälter
und kaputte Fischernetze aus
dem Wasser.

In andere Meere driften
Eigentlich sucht der Meeresbiologe
nach Insekten, Austern, Asseln oder
Krustentieren, die auf Treibgut aller
Art leben. Das heisst auf Holz und Algen,
zunehmend aber auch auf Plastikmüll.
Dabei hat er festgestellt, dass sich
eine bestimmte Art von Asseln. die so
genannte Idotea metallica, bereits auf
Kunststoffabfälle spezialisiert hat. Der
kleine. metallisch schimmernde Krebs
sei geradezu ein Plastik-Junkie, weil er
fast überall auf dem Abfall hocke, den
er als Transportvehikel nutze.
Obwohl diese bis zu zwei Zentimeter
lange Assel ursprünglich in warmen
Gewässern wie dem Mittelmeer beheimatet
ist, kommt sie nun verstärkt
auch in der Nordsee vor, die in den vergangenen
Jahrzehnten wärmer geworden
ist. Zum Glück verdränge sie aber
die heimischen Asseln nicht, sagt Lars
Gutow. Allerdings wisse man noch
nicht, ob dies auch in anderen Regionen
so sei. Immerhin könne man mit
dem besonders haltbaren Material,
quasi wie mit einem Taxi, durch Winde
und Strömungen im Meer leider auch
in ganz neue Gewässer driften . Der Dokumentarfilm
«Plastic Planet» zeigt
mögliche Umweltrisiken durch das billige,
aus Erdöl und Erdgas chemisch
hergestellte Material und macht deutlich,
wie verschwenderisch die heutige
Gesellschaft damit umgeht. Wie Familien
rund um den Globus immer mehr
Habseligkeiten aus Kunststoff in ihren
Häusern horten, ohne es überhaupt
gross zu bemerken. Doch das war nicht
immer so. Einst war die Erde frei von
solchen aus grosstechnischen Abfallprodukten
hergestellten Konsumgütern.
Der Durchbruch ins Plastikzeitalter
gelang dann dem belgischen Chemiker
Leo Baekeland. Er stellte 1907
den ersten vollkommen synthetisch erzeugten
Kunststoff her. Der ursprünglich
aus einer einfachen Schuhmacherfamilie
stammende Forscher läutete
mit seinem hitzebeständigen, bruchfesten
und chemisch stabilen Stoff
Bakelit eine völlig neue Ära ein.
Für Regisseur Boote, dessen Grossvater
einst selber Geschäftsführer einer
Kunststoff produzierenden Firma war
und der viele schöne Geschenke aus
Plastik bekam, ist klar, dass wir nach
der Steinzeit, der Bronze- und Eisenzeit
heute in der Plastikzeit leben. Und dass
wir somit alle Kinder des Plastikzeitalters
seien.
Barbara Reye
Das Buch zum Film - Gerhard Pretting/Werner Boote: Plastic Planet. Orange Press, Frburg 2010, 224S., Fr. 34.50.
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